Die Zerstörung des Ehrgefühls und der Intimsphäre

 

Es muss vorausgeschickt werden, dass die genannte Ärztin sämtliche Details ihrer ehemaligen Patienten, die sie aus der Therapie erfahren hatte, ganz besonders in den letzten Jahren öffentlich verbreitete.

Ganz gezielt gab sie intime Details von den Patienten preis, die sich begannen, gegen die Praktiken von ihr zu wehren und die es wagten, diese anzuzeigen. In ihre Reden über ihre Patienten mischte die Frau aber auch stets suggestiv zusätzliche Determinationen mit hinein, an die sich die zuhörenden Personen zunächst oft gar nicht mehr erinnern konnten, die aber gerade deswegen schädigende Wirkungen entfalteten und die dann erst nach längerer Auseinandersetzung mit den einmal erlebten Begegnungen wieder ins Bewusstsein traten. Diese Dinge haben wir, die Betreiber dieser Seite, selbst erfahren und erleiden müssen, insofern sind unsere Darstellungen authentisch und können belegt werden.

 

In den verschiedenen Prozessen vor Gericht gab die Ärztin aber nun an, sie werde von einer Sekte verfolgt, die sie fertig machen wolle. Alle (ehemaligen) Patienten, die gegen sie Klage erhoben hatten, würden dieser Sekte angehören! Das Gericht übernahm durch die stigmatisierende Wirkung des Wortes „Sekte“ und die beschriebene Magie sofort das, was ihm vorgespielt wurde und gab der Beklagten Recht. Das heißt, obwohl sie Ärztin war und schwere Verletzungen der Schweigepflicht sowie schwere Verleumdungen gegenüber ehemaligen Patienten nachweisbar vollzogen hatte und selbst während der Zeit der Gerichtsverhandlungen immer noch vollzog, wurde sie nicht gemäß ihres Verhaltens verurteilt und durfte daher weiterhin agieren. Auch die Staatsanwaltschaft, bei der etliche Anzeigen wegen Schweigepflichtverletzungen eingegangen waren, sah hierin keinen schwerwiegenden Straftatbestand und unterließ eine weitere Strafverfolgung.

 

Was bedeutete das aber nun für die Kläger, für die Rechtsprechung und für die weitere Entwicklung in der Justiz? Bleibt die Wirkung dieser juris-tischen Handhabung nur auf den unmittelbar betroffenen Personenkreis beschränkt oder hat sie viel weitgehendere, zunächst vielleicht ungesehene Folgen? Bild: Pixabay, Gerd Altmann, CC0 Public Domain

 

Das Gesetz der Schweigepflicht nach § 203 StGB sowie Artikel 1 aus dem Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ als Errungenschaft für die Integrität des Menschen

 

Wie entsteht nun ein Gesetz oder allgemein ein Gefühl für richtiges Verhalten in einem bestimmten Kulturraum, wie steht es mit der Entwicklung des Bewusstseins der Menschen dieses Kulturraums, hier des Rechtbewusstseins, im Zusammenhang?

Immer wieder haben sich in der Geschichte verschiedene Menschen die Frage danach gestellt, wie man zusammenleben kann, so dass sowohl die Entwicklung des Einzelnen als auch der Gesamtheit gefördert wird. So haben Menschen sich bemüht, ein Bewusstsein zu bilden, was ein Ideal in der Rechtsprechung sein kann, was im Gesetz verankert sein muss, dass die Unversehrtheit des Menschen nicht verletzt wird. Die Ergebnisse dieser Bestrebungen, die oft unter großen persönlichen Opfern und auch kollektivem Leid entstanden, sind nicht nur ein Gesetz oder eine Richtlinie, die „auf dem Papier“, also physisch existiert, sondern es entstand ein Rechtsempfinden oder eine Substanz in der Seele der Menschen, welche diese dazu veranlasste, nicht nur einem Gesetz wie einem Zwang zu folgen, den eine äußere staatliche Autorität durchsetzt, sondern dieses auch individuell als erhaltenswertes Gut für ein gehobenes Menschsein zu empfinden.

 

Um nun wieder auf das Beispiel der Schweigepflicht zu kommen, kann man also sagen, es entstand ein Bewusstsein und ein Gefühl darüber, dass in einem Arzt-Patientenverhältnis dringend ein Vertrauen bestehen muss und der Arzt über alles, was er über den Patienten weiß, zu schweigen hat, aus dem Grund, dass der Patient geschützt ist. Man empfand, dass dieser Schutz notwendig ist, wenn ein Mensch und die Gemeinschaft, der er angehört, sich in einer aufbauenden Weise entwickeln soll.

Diese Schweigepflicht ist also bis vor einiger Zeit ein unantastbares Gut in der Rechtsprechung und im Empfinden der hier verantwortlichen Menschen gewesen. Gewesen! Denn das Zivilgericht löste diese Schweigepflicht auf und erlaubte es, ja, es bestärkte sogar durch die Art seiner Urteilsbegründungen die Ärztin, dass in ihrem Fall die Schweigepflicht nicht gilt.

 

Wie aus dem oben dargestellten Kontext vielleicht schon zu entnehmen ist, handelte es sich hier nicht um einen versehentlichen „Ausrutscher“ oder juristischen Missgriff, der nur ein paar Personen betrifft.

 

Wenn ein Gericht die beschriebene Position der genannten Frau übernimmt und sagt, dass die Schweigepflicht nicht gilt, beziehungsweise das Brechen derselben rechtmäßig ist, wenn es sich bei den Betroffenen um eine tatsächliche oder auch nur behauptete weltanschauliche Gruppe handelt, dann wird damit das einmal gebildete Ideal einer Rechtsprechung zerstört. Und zwar nicht nur äußerlich, sondern die Substanz, die Menschen jahrelang in dieses Ideal gegeben haben, wird ausgelöscht und damit wird auch den zukünftigen Menschen die Empfindung für ein richtiges, das heißt, für das Zusammenleben förderliches Verhalten genommen. Im beschriebenen Beispiel bedeutet dies, dass das Empfinden, dass es unrecht ist, wenn ein Arzt über einen Patienten intime Details öffentlich preisgibt, vollkommen ausgelöscht wird, da die einmal von früheren Menschen in ihrem Bemühen um diesen Inhalt entwickelte seelische Substanz zerstört ist. So kann man damit rechnen, dass es zukünftig als normal angesehen wird, wenn Intimitäten ausgebreitet werden und damit die Integrität des Menschen verletzt wird. Das heißt, die zukünftigen Richter werden immer mehr „Ausnahmefälle“ finden, unter denen die Schweigepflicht gebrochen werden darf, beziehungsweise die Allgemeinheit wird es gar nicht mehr als Unrecht oder verwerflich empfinden, wenn Intimitäten von Menschen, besonders von Personen, die man oft willkürlich und mit Absicht irgendwelchen „Randgruppen“ zuordnet, ausgebreitet werden.

 

"Ohne Worte" Bild: Autor

 

Der anthroposophische Leser wird vielleicht den Gedanken kennen, dass geistige Substanz für eine Sache nötig ist, damit sich eine Anschauung oder ein mit Empfinden begleitetes Denken ausbilden kann. Nehmen wir das Beispiel des Kolumbus oder anderer Personen, die mit ihrer ganzen Arbeit und ihrem ganzen Schicksal eine Substanz gaben für die Entwicklung einer Gedankenkraft, die uns heute ganz natürlich zur Verfügung steht, nämlich die Erde als runden Körper zu denken und danach auch Reisewege zu planen und Verbindungen über weite Entfernungen herbeizuführen.

Immer haben Menschen Substanz gegeben, damit sich in der Entwicklung etwas ausformen konnte. Viele Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind, mussten Menschen früher erkämpfen und oft mit ihrem Leben bezahlen.

 

Wenn nun in der heutigen Justiz, wie es nun geschah, die Schweigepflicht außer Kraft gesetzt wird, so hat das schwerwiegende Folgen, gerade eben, weil wir es hier mit dem Einfluss Sorats zu tun haben.

So steht das gegebene Beispiel dafür, wie Sorat von Menschen schon entwickelte Inhalte wieder zerstört, Inhalte, die von Menschen schon individualisiert, das heißt, zu einem Teil ihres Ichs wurden und als Kulturgut in die Gemeinschaft einflossen. Man kann durchaus sagen: Wird das Empfinden über dieses Wahren der Schweigepflicht und damit das Ehrgefühl dem Menschen nun durch die Justiz abgesprochen, so wird ein über die Vergangenheit entwickelter seelisch-geistiger Teil des Menschen wieder zerstört, man kann sogar sagen, er wird aus ihm „herausgerissen“. Er steht dem zukünftigen Menschen nicht mehr zur Verfügung.

 

Interessant und bezeichnend ist hierzu vielleicht, was die Ärztin aus Süddeutschland selbst über die Wirkung des Begriffs „Sekte“ sagte, welches vorsätzliche Handeln also mit ihrem Taktieren vor Gericht verbunden ist: Die Drohung und Sektenbenennung ist erfahrungsgemäß eine subtile identitätszerstörende Gewalt. Durch die Lächerlichmachung und Verunglimpfung des Heiligsten im Menschen, seiner Suche nach Gott, geschieht unauffällig, aber effektiv die Zerstörung des ICH.“

 

Was folgt daraus für die Zukunft?

 

Es muss das Ideal des Ehrgefühl und der Unversehrtheit wieder hergestellt werden, indem der Mensch es denkt, empfindet und dann umsetzen will.

Wie können also Werte für die Zukunft wiederhergestellt oder sogar erweitert und durch neue hinzu kommende Qualitäten ergänzt werden?

 

Was sich dem Menschen zunächst darbietet, wenn er nach seinem eigenen Potenzial forscht, ist das, was er aus dem bisherigen Geschehen in der Zeit schon geworden ist. Wenn er nun versucht, nur aus diesem Bisherigen neue Qualitäten ins Leben zu rufen, so wird er, wenn auch vielleicht in modifizierter Form, nur das wiederholen, was schon gewesen ist. Da die Welt als Ganzes aber voranschreitet, sich ständig erweitern und auf eine neue, gehobene Stufe steigern will, wird sie das schon einmal Dagewesene in Wirklichkeit nicht mehr akzeptieren. Selbst wenn ein Wert in der Geschichte schon einmal gegeben war und zerstört wurde, so genügt es nicht, ihn nur aus der Vergangenheit heraus wieder zu restaurieren, er muss auf einer neuen, erweiterten Ebene wiedergeboren werden.

 

Feuerpilz einer "atomaren Explosion".

Ist der Einsatz von Massenvernichtungswaffen oder überhaupt nur ihre Bereithaltung einfach nur eine Folge der technischen Entwicklung oder liegt hier vielleicht eine generelle Zerstörung von Werten vor, die es bestimmten Menschengruppen erlaubt, sich über eine Vielzahl anderer Menschen so zu erheben, dass sie im Recht stehen oder vielmehr sich das Recht herausnehmen, diese Vielzahl oder Teile davon zu vernichten oder deren Vernichtung auch nur anzudrohen? Kann es nicht so gewesen sein, dass es schon vor der Erfindung der "Atombombe" zunächst schon Menschen gab, die, erst einmal in Gedanken, sich selbst das Recht gaben, andere Menschen auch in großer Zahl ihren Ideologien oder Systemen zu opfern, so dass die "Kerntechnologie" und ihre Waffensysteme eine erst folgende physische Manifestation der vorausgegangenen Gedanken und Vorstellungen sind? So sagte zum Beispiel Louis Antoine de Saint Just, einer der Hauptakteure in der "Französischen Revolution" schon im 18. Jht. und ließ dem auch gleich die entsprechenden Taten folgen: "... ein Schwanken in dem Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein vulkanischer Ausbruch, eine Überschwemmung begraben Tausende... Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebensogut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt?..." Aus Georg Büchner, "Dantons Tod", Bild: Autor nach Vorlage

 

Um etwas Neues zu kreieren, muss der Mensch sich auch einem wirklich neuen und ihm vielleicht zunächst fremden Gedanken oder Inhalt zuwenden, diesen vor sich hinstellen, erforschen und durch die eigene Bemühung in die Welt umsetzen. Ist ein solcher Prozess lang und tiefgreifend vollzogen worden, so individualisiert sich das zunächst außenstehende Ideal oder der außenstehende Gedanke in dem Menschen, es oder er wird zu einer seelischen Substanz in ihm selbst, die unmittelbar von ihm „ausstrahlt“. Das Ideal oder der Gedanke wird zu einem Inhalt dieses Menschen, der durch ihn selbst lebt und ihn auch als Mensch selbst erneuert.

 

Was bedeutet das genauer für seine Umgebung? Ein solcher Mensch kann das Ideal oder den Gedanken dann nicht nur äußerlich intellektuell darlegen, sondern allein schon seine Anwesenheit als Person, seine auch nicht ausgesprochenen Gedanken und Empfindungen zur Sache bewirken, dass andere Menschen, die sich um den gleichen oder einen ähnlichen Wert bemühen, der Umsetzung näher kommen können. Anders ausgedrückt, ein Mensch, der ein Ideal oder einen Gedanken bis zum tiefsten Verständnis und bis zur sozialen Integration in die Welt geführt hat, liefert anderen Menschen eine Substanz, um den gleichen Wert ebenfalls zu entwickeln.

 

Im Falle des Beispiels mit der Schweigepflicht würde es also nicht genügen, nur äußerlich auf das geschriebene Recht zu pochen, sondern sich selbst um eine Anschauung zu diesem Rechtsgrundsatz zu bemühen, danach zu forschen, warum es für den Menschen und seine Entwicklung notwendig ist, dass intime Dinge seines Lebens in einem geschützten und vertraulichen Rahmen bleiben und welche nicht nur unmittelbar psychologischen oder gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn man diesen Schutz immer mehr aushebelt.

 

Sorat hat größtes Interesse, das Ich zu zerstören. Und gerade die Entscheidung, wie jeder Einzelne sich nun zu den verschiedenen Erscheinungen seiner Wirkungen stellt, trifft er in seinem tiefsten Innersten, in seinem Ich. In diesen Entscheidungen ist der Mensch ganz allein, niemand kann ihm raten, er kann niemanden verantwortlich machen, wenn seine Entscheidung nicht zu dem Erfolg führt, und niemand kann ihm sagen, was er wie zu entscheiden hat.

 

Diese Tatsache ist hochinteressant, denn sie verweist auf den Zusammenhang zwischen den sogenannten Widersachermächten und der eigenständig vollzogenen Ich-Entwicklung und es würde einem geistigen Schulungsweg der heutigen Zeit vollkommen widersprechen, wenn zum Beispiel ein „Lehrer“ zu einem „Schüler“ sagen würde: „Du musst dich nun für ein Ideal oder einen Wert einsetzen!“

 

"Der verordnete Wert für den gewünschten Erfolg".

Diesem Schema folgend kann der Mensch scheinbar Werte schnell übernehmen, um damit in der äußeren Welt erfolgreich zu erscheinen. Aber ist er wirklich "erfolgreich", das heißt, entsteht durch ihn ein Wert oder eine Wirkung, die andere Menschen wiederum fördert, die sogar noch nach dem physischen Tod dieses Menschen weiter besteht? Leben die übernommenen Werte also in dem Menschen und bringen dadurch einen Aufbau für die Umgebung hervor? Bild: Pixabay, Gerd Altmann, CC0 Public Domain

 

Die Entscheidung, sich für ein Ideal des freien Menschen einzusetzen und zum Beispiel dafür zu kämpfen, dass er nie wieder vor einer Justiz abgewertet und rechtlos wird, weil ihm eine Gruppenzugehörigkeit angehängt wird oder weil er in eine „Sektenecke“ gestellt wird, diese Entscheidung trifft der Einzelne ganz für sich und findet daraufhin seine Wege. Er lernt das Ideal des freien Menschen und das Ideal einer Justiz zu denken, dann zu empfinden und schließlich will er es auch in der Folge.